Stiftung Beda-Institut

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Aktuelle Informationen vom Beda-Institut:

Einweihung der neuen Räumlichkeiten

 

Ehrengäste

Prof. Franz Feiner von der KPH Graz, Professor für Theologie und Gestaltpädagogik – „Wert(e)voll lernen“

Prof. Dr. Konrad Wolf, Minister für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz

Bürgermeister der Stadt Bitburg, Joachim Kandels, vertreten durch Josef Heuzeroth Beigeordneter

  1. 1. Beigeordneter des Eifelkreises Michael Billen in Vertretung von Dr. Joachim Streit

Verbandsbürgermeister Moritz Petry Südeifel , Herr Lehnert in Vertretung der VG Speicher Manfred Rodens

Landtagsabgeordneter Nico Steinbach

Dr. Eckhard Braun,  Universität Koblenz vom Landes -Projekt „Den Wandel gestalten – Visionen ermöglichen“

Vortrag: „Die Aufgaben einer Stiftung für Europäische Kulturbildung und die damit verbundene Arbeit am Sinn dieser kulturellen Bildungseinrichtung“

 

Präambel:

Man gedenke nicht Heiligkeit zu gründen auf ein Tun,

man soll Heiligkeit vielmehr gründen auf ein Sein,

denn die Werke heiligen nicht uns,

sondern wir sollen die Werke heiligen.

Meister Eckhart

(1260 – 1328)

Der Staat sieht sich als Wahrer der Gesellschaft, als Garant der Entfaltung von Ökonomie und Kultur. Daran gebunden richtet sich die Politik im Staat aus. Sie hat zur Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu gestalten, die es  ermöglicht, wirtschaftlich und gesellschaftlich im Sinne der freien Entfaltung den Einzelnen zu respektieren, um sich selbst zu gestalten. Wir nennen das Demokratie im Sinne der Verantwortung, die sich auf Vernunft und die sich wiederum auf Ethisches Handeln stützt.

Daraus erwachsen Konflikte zwischen der reinen Ökonomie und der Selbstentfaltung. Reine Ökonomie sieht  den einzelnen Menschen als ihr im Umsatz, der Produktion und der Rentabilität verpflichtet. Hier existiert kaum Spielraum, um sich und die eigenen Interessen zu leben. Dazu bedarf es der Kultur, die, wenn sie sich als Gegenpol zur Ökonomie sieht, nicht ökonomisch handeln darf.

Die Kultur als Ausdruck des einzelnen Individuums und im Gemeinsamen der Gesellschaft als Ausdruck des kulturellen Zusammenlebens, muss sich folglich von der reinen Ökonomie abgrenzen. Unterwirft sie sich aus pekuniären Absichten der Ökonomie, wird sie ihre  richtungsweisende Arbeit für eine Gesellschaft verlieren.

Der Staat muss, wenn er sich der Demokratie verpflichtet fühlt, beiden Seiten gerecht werden. Er darf weder die ökonomische Grundlage vergessen, noch die kulturelle. Im Rahmen der Kulturellen Bildung, die wir unseren Kindern angedeihen lassen, muss eine klare Trennung zwischen diesen beiden Polen gewahrt werden.  Das kann man auch als „Arbeit am Sinn“ (Karsten Lichau/Christoph Wulf, Handbuch Kulturelle Bildung, 30)  bezeichnen, die historisch, kulturell und gesellschaftlich zu beleuchten ist. Die Bildung unserer Kinder bedeutet für die zukünftige Gesellschaft, in welche Richtung diese sich entwickelt. Kinder, die wir frei und selbstbestimmt erziehen, werden diese Haltung auch im Erwachsenenalter anstreben. Kinder, die zu reinem Konsumverhalten angeregt werden, werden später egoistisch daran festhalten. Es fehlt ihnen die Empathie und die Bereitschaft, sich für eine Gesellschaft im sozialen und kulturellem Umfeld ein zu setzen. Letzten Endes sind sie auch nicht bereit, an der nötigen erhaltenden Produktivität einer Gesellschaft ihren Beitrag zu leisten.

Kulturelle Bildung ist damit stets einem Wandel unterzogen, ebenso wie der Kulturbegriff. Es gibt keinen Status quo und auch kein falsch und richtig. Der Prozess einer verantwortungsvollen Erziehung in der Kulturellen Bildung bedarf einer fortwährenden Reflexion der Handelnden. Mit ethischem Handeln gegenüber dem Einzelnen, seinen Interessen und seiner Herkunftskultur und dem Ziel, ihn in eine Gemeinschaft zu integrieren, ist eine immerwährende Aufgabe, die man ständig auf ihre Richtigkeit überprüfen sollte.

Die Gesellschaft ihrerseits hat die Aufgabe, jungen Menschen ihre Ideen und ihre Handlungsweisen leben zu lassen, damit aus diesen wieder neue Impulse für den Fortbestand der Gesellschaft erwachsen können. Den Rahmen soll der Staat garantieren, er sollte sich nicht den Entwicklungsprozessen, die von der Gesellschaft angestoßen werden, verschließen, vielmehr diese im demokratischen Sinne weiter entwickeln helfen.

Leitsatz:

„Harmonia est unitas in multitudine“ (Gottfried Wilhelm Leibniz, 1696) „Harmonie ist Einheit in der Vielfalt“ und

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“ ( Albert Schweitzer, 1923 )

Die Rolle der Stiftung für Europäische Kulturbildung verpflichtet sich der Vermittlung der unterschiedlichen Interessen von Ökonomie und Kultur. Sie ist Mittlerin zwischen unterschiedlichen Kulturen, sozialer Herkunft und gleichzeitig Bewahrerin der eigenen Kultur. Sie passt sich insoweit den gesellschaftlichen Veränderungen an, indem sie stets Kompromisse verschiedener Interessen anstrebt, ohne ihre imaginäre Aufgabe der Vermittlung und Förderung von Kultur und Ästhetik zu vernachlässigen.

Aus der Überzeugung heraus, dass Familien mit und ohne Risikolagen, Familien mit gehandicapten Kindern,  Familien mit Migrationshintergrund und den „normalen Familien“ (der Familienbegriff befindet sich auch stets im Wandel, siehe Einelternfamilie, Patchwork Familie usw.) gemeinsam an der Weiterentwicklung und Erziehung ihrer Kinder interessiert sind und oft nicht wissen, wie sie auf die ständig veränderten politischen und ökonomischen Gegebenheiten reagieren sollen, brauchen Unterstützung und vor allem Halt und Orientierung. Diesen erhalten sie aus der Kultur. (Zum Kulturbegriff: vergl. Die Abhandlung von ITB Graz 2017).

Da sich auch die Kultur der ökonomischen Anpassung nicht immer entzieht, wird es schwierig, Kultur und Kommerz zu trennen. Die Kultur, die sich der Gewinnmaximierung verpflichtet, ist im eigentlichen Sinne keine Kultur, sie ist eine Entwicklung aus der Kultur heraus hin zur Ökonomie. Kultur im ursprünglichen Sinne meint eine Öffnung hin zu einem befriedigenden und erfüllenden Leben, zur Freude mit einander, zum Freude schenken durch Spiel, Theater, Musik u.a., zu gemeinsamen Handeln in Tanz und Singen und Musizieren. Diese Art Kultur impliziert ein gegenseitiges Verständnis, sie wird nicht von einzelnen konsumiert sondern von allen Akteuren getragen.

Daraus erwächst die Notwendigkeit, in einer pluralistischen Gesellschaft sich einander kennen zu lernen. Durch den Austausch kultureller Erfahrungen werden neue Wege gefunden, die ein demokratisches Miteinander ermöglichen helfen. Aufführungen einzelner helfen dabei wenig, erst wenn jeder aktiv sich beteiligt, wird Veränderung und Akzeptanz  möglich.

Das heißt nicht, dass wir unsere Identität aufgeben, vielmehr erfährt unsere Identität durch die aktive Arbeit wesentlich mehr Akzeptanz, als wenn wir, wie bisher auch vielfach in der kulturellen Bildung geschehen, uns von Performances begeistern lassen, deren Nachhall doch mäßig ist.

Erst aktives Handeln ermöglicht Nachhaltigkeit. Für unsere Kinder bedeutet das, dass wir uns dem wandelnden Kulturbegriff stellen. Stellen wir uns nicht dieser Herausforderung, besteht die Gefahr der Isolation oder  des Zusammenbruchs der eigenen Kulturalität (Anm. auch unsere Kultur ist nicht festgeschrieben, sondern stetem Wandel unterzogen, also vielschichtig).  Nur ein sich Einlassen auf Neues und gemeinsam damit umgehen und leben wird den Zusammenhalt innerhalb einer Gesellschaft garantieren.  Die Stiftung wird sich aus diesen Erkenntnissen heraus stets der historischen, kulturellen und gesellschaftlichen „Arbeit am Sinn“ annehmen und Kultur weiterentwickeln helfen.

Nur der in Freiheit denkende Mensch ist in der Lage, Kultur zu empfangen und zu geben. Man erziehe folglich Menschen zu freiem selbständigen Denken – Descartes:  cogito ergo sum – und man erhält die Chance mit Hilfe des ethischen Handelns zur geistigen Vernunft zu gelangen und umgekehrt mit der geistigen Vernunft zum ethischen Handeln, welches die Kultur beflügelt und weitergibt.

Aus diesen Gedanken erklärt sich, dass die Inklusive Schule für Europäische Kulturbildung kein soziokulturelles Zentrum ist, sondern eine Bildungseinrichtung, die durch freies Denken und deren Vermittlung, Kinder und Jugendliche und junge Erwachsene zusammen mit ihren Familien zu individuellen Kulturträgern begeistert. Es ist ihre imaginäre Aufgabe,  sich den Bildern der Kinder anzupassen und durch imitieren („imitari“)und wetteifern („aemulari“) zum Nacheifern und Nachahmen von Wissen und Techniken anzuregen. Im Sinne der Inklusion wird dem Einzelnen seine Identität belassen und viele dieser Identitäten ergänzen sich zu einer sich weiter entwickelnden neuen kulturellen Struktur.

Ausgehend von unserem Leitsatz wird hier die veneratio vitae (A.Schweitzer, Ehrfurcht vor dem Leben)  als Grundlage für ein ethisches Handeln in Vernunft gesehen, woraus sich Kultur entwickelt. In der Ehrfurcht vor dem Leben geht das Erkennen in Erleben über. Die Lebensbejahung und damit Weltbejahung hat seinen Sinn im Willen zum Leben, dass die höchste Idee, die man lebt, der Wille zum Leben ist. Damit verliert die Vernunft ihre Rationalität und mündet ein in eine Mystik, die das Leben in sich trägt und auf der eine neue Kultur wachsen kann.  

Ingeborg Trappe-Butzbach

Dezember/Januar 2017/18

Festansprache Prof. Franz FEINER, Mag. Dr.

Religionspädagoge

Kirchliche Pädagogische Hochschule Graz

A-8010 Graz, Lange Gasse 2
Tel. 03134/2927, Mobil: 0664/73 650 706
eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Geboren 1953, Studium der Theologie (Magisterium 1978) und Pädagogik in Graz und Salzburg

Doktorat 1986; Dissertation zum Thema „Ethisch handeln lernen. Begründungskonzepte und deren Relevanz für ein Schulbuch für die 7. Schulstufe.

Neun Jahre Unterricht an Pflichtschulen (HS und ASO); dann Lehrender in der LehrerInnenbildung der PA Graz-Eggenberg und KPH Graz für Unterrichtswissenschaft, Unterrichtsanalyse, Religionspädagogik, Biografiearbeit und Coaching.

Derzeitiger Schwerpunkt im Hochschullehrgang zum Akademisch Pädagogischen Coach, der drei Lehrgänge beinhaltet: Pädagogisch systemische Beratung, Konflikt- und Stressmanagement und Krisen-, Notfall- und Supportmanagement.

Autor und Herausgeber zahlreicher religionspädagogischer und -didaktischer Werke für verschiedene Schultypen (HS, AHS, PTL und ASO) und Computerprogramme für den Religionsunterricht; Publikationen über Schwerpunkte der Forschungstätigkeit.
Ausbildung in Transaktionsanalyse, Gruppendynamik, Gestaltpädagogik;

seit 1994 Lebens- und Sozialberater; in den letzten Jahren internationale gestaltpädagogische Kurse in Polen und Slowenien.

Internationale EU-Projekte in den Jahren 2008, 2009 und 2010: „RE-CREATION. Creative Approaches to Social, Moral and Religious Education and Personal Development“ unter Beteiligung von Universitäten aus acht Ländern (Großbritannien, Polen, Slowenien, Slowakei, Ungarn, Serbien, Ukraine und Österreich).

Österreich-Verantwortlicher des EU-Projekts ETHOS für dialogische nachhaltige Zukunft (2012 – 2014) und des Nachfolgeprojekts ETHIKA (2014 – 2017).

2014 Begegnung an der Universität Trier „Menschenbilder in Schule und Unterricht“

Vorträge an internationalen Symposien und Kongressen verschiedener Universitäten: Uni Ljubljana (Slowenien), Uni Ružomberok (Slowakei), Bad Honnef (Deutschland), Riga (Lettland), Cieszyn (Polen), Uni Brno (Tschechien), Uni Dniprodzerzhinsk (Ukraine).
Forschungsschwerpunkte: Inklusive Pädagogik: Wahrnehmung von Heterogenität; IKT in der Pädagogik und Didaktik; interdisziplinäre Vernetzung der Humanwissenschaft; ethische Grundlagen, Lebens-Wert- und Sinnorientierung Jugendlicher.

Franz Feiner: Resonanz und Verbundenheit als Grundlage für ethische Bildung

Danke sehr für die Einladung zu diesem Referat – die Beziehung zwischen dem BEDA-Institut und der KPH Graz mit den EU-Projekten ETHOS und ETHIKA besteht schon seit einigenJahren – bis zum Kongress über Menschenbilder an der Uni Trier 2014. Seither gibt es vielfältige fruchtbare Zusammenarbeit.
Wir befinden uns hier in einem besonderen Kulturinstitut, und wir gratulieren zu den neuen Räumlichkeiten! Um das Konzept ganzheitlicher, musischer Bildung gut verwirklichen zu können, bedarf es guter, auch räumlicher Bedingungen.

  1. Kultur kommt von colere, das heißt pflegen. Hier wird etwas gepflegt, nämlich dass junge Menschen sich entwickeln und bilden können.
    Kultur hat also mit Bildung zu tun. – Viele meinen gerade heute, angesichts niedriger Werte in den PISA-Tests, man könne Bildung machen. – Doch Bildung ist nur möglich als Impuls zur Selbstbildung.

    Unser Thema ist „Resonanz und Verbundenheit – als Grundlage für ethische Bildung“
  2. Welches Bild haben wir von den uns Anvertrauten? Erziehungsberechtigte schenken uns Vertrauen, wenn sie uns ihre Kinder / „Zöglinge“ überlassen, damit wir sie erziehen. Wissen wir das genug zu schätzen?
    Haben wir ein Bild von Menschen, die dann funktionieren und für die Wirtschaft zu gebrauchen sind? … und dabei oft förmlich „zerrieben“ werden.
    Oder haben wir ein Bild vonm Menschen, der sich aufrichten kann (anthropos heißt „der Aufgerichtete“), der als aufrechter Mensch zu sich selber stehen kann. Und aufrichten kann man sich nicht selber, dazu gehören zwei Personen. (Jede Anthropologie, die den Menschen nur als Individuum beschreibt, greift zu kurz)
  3. Haben wir also das Bild eines aufgerichteten, manchmal aufzurichtenden Menschen, eines Menschen, der zur Kommunikation fähig ist?

    Normalerweise haben sich zwei Menschen vereinigt, zwei sind eins geworden, haben sich einander geschenkt.
    Wir wissen aber auch um eine technische Herstellung von Menschen, wo bis zu sechs Elternteile beteiligt sein können (Lassek 2017).

    Schauen wir auf den Menschen, dann haben wir oft einen zu engen Blickwinkel. Wie beim Bergsteigen tut es gut, von oben einen Über-Blick zu gewinnen. – Es kann also hilfreich sein, von außen den Blick auf den Menschen zu richten? Welches Bild hat – in jüdisch-christlicher Vorstellung – Gott vom Menschen?
    Die Bibel schreibt: Gott (Elohim) schuf den Menschen als sein Bild, männlich und weiblich, als Mann und Frau (vgl. Gen 1,27). Gott schuf den Menschen als Beziehungswesen, weil er selbst Beziehung / Kommunikation / Gemeinschaft ist.
  4. Innige Gemeinschaft und Verbundenheit ist ja die erste grundlegende Erfahrung – wirkliche körperliche Verbundenheit zwischen Mutter und dem sich entwickelnden Kind.
    Daher können wir uns mit anderen verbunden wissen und fühlen.
    Der Psychotherapeut Arnold Mettnitzer betont in seinem Buch „Das Kind in mir“ (2013) die beiden wesentlichen vorgeburtlichen Erfahrungen „mit der Mutter aufs Engste verbunden zu sein“ (60) und zu wachsen und sich zu entfalten (ebd. 60). Die Sehnsucht, wachsen zu dürfen und gleichzeitig verbunden zu sein, „ist und bleibt der Motor und die Triebfeder“ (ebd. 61) des Lebens.

    Der Neurobiologe Gerald Hüther und die Journalistin Christa Spannbauer plädieren für eine neuen Ethik der Verbundenheit (vgl. 2012): Sie sagen: „Wir müssen unseren Blick schärfen für das, was das Leben bewahrt, was Neues in die Welt bringt, was Hoffnung erweckt“. Dem Zerstörerischen in uns scheint eine „Einsichtsfähigkeit und Weisheit entgegenzuwirken, die uns … mit allen Lebewesen auf diesem Planeten verbindet ... Darin liegt das Versprechen der weltweiten ökologischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Bewegungen: zu erkennen, dass wir eine globale Familie sind."
    Die beiden Autoren sehen Verbundenheit als aktuelle Gegebenheit. Zwar sind sie nicht blauäugig und wissen um ungerechte und unhaltbare Zustände in der heutigen Welt und Zeit, doch sehen sie, dass viele, und immer mehr Menschen, sich für das soziale Gemeinwohl einsetzen und von „Ressourcenausnutzern zu Potentialentfaltern“ werden. „Wir erleben uns nicht mehr länger als Bezwinger, sondern als Partner der Erde“ (ebd. 130), die mit begeisternder Entdeckerfreude lebensbejahende Projekte fördern. „Connectedness“ versteht die Welt „als ein lebendiges Netz, in dem alles miteinander verbunden und wechselseitig voneinander abhängig ist“ (ebd 11).
  5. Die beiden Autoren beschreiben als Gegebenheit, was der Befreiungstheologe Leonardo Boff vor 20 Jahren als Notwendigkeit sah, nämlich sich als Bürger der einen Erde zu verstehen (Boff 1996).
    Boff zitiert den Astronauten John W. Young, der 1972 vom Mond aus das neue Bewusstsein in tiefgreifenden Worten aussprach: „Da unten ist die Erde. Dieser blau-weiße, herrliche, strahlende Planet – unsere menschliche Heimat! Hier vom Mond aus halte ich ihn mit der blanken Hand. Aus dieser Perspektive gibt es dort weder Weiße noch Schwarze, gibt es keine Spaltung zwischen Ost und West, gibt es weder Kommunisten noch Kapitalisten, weder Nord noch Süd. Alle bilden wir eine einzige Erde. Wir müssen lernen, diesen Planeten, von dem wir ja ein Teil und sein Stück sind, zu lieben“ (ebd. 31).
    Ein solches globales, „planetarisches Bewusstsein“ soll nach Boff in eine Erfahrung münden, dass in allem Geschaffenen der Schöpfer erahnbar ist, Gott in allen Dingen atmet (spirare heißt atmen), die sich zu einer planetarischen Spiritualität“ entwickelt.
  6. Vor gut zwei Jahrzehnten (1994) wurde weltweit ein Meilenstein in der Pädagogik gesetzt: Das Salamanca-Statement ist gleichsam die ‚Vision einer neuen Gesellschaft’: Die UNESCO einigte sich 1994 auf das Leitprinzip, niemanden vom Bildungsprozess auszuschließen. Weltweit wurde damit eine neue Richtung in der Pädagogik eingeleitet, die zum „Index für Inklusion führte. Heterogenität wahrzunehmen, Individualität und Begabungen zu fördern ist wertvoll für jede/n Einzelne/n, aber auch für die ganze Gesellschaft.
    In dieser Salamanca Erklärung sprach man von einem ‚New Thinking in Special Needs Education’ (ebd., 10).
    Mit dem Salamanca-Statement war der Weg geebnet für die Entwicklung eines Instrumentariums, das Barrieren des Lernens und Zusammenlebens erhebt mit der Zielrichtung „Lernen und Zusammenleben in Vielfalt“ (Boban/Hinz 2003). Nach dreijähriger Entwicklungsarbeit, Erprobung und wissenschaftlicher Begleitung wurde im Jahr 2000 der ‚Index for Inclusion’ publiziert und mittlerweile in über 40 Sprachen weltweit verbreitet.
    Er beinhaltet „eine detaillierte Analyse, wie Barrieren für das Lernen und für die Teilhabe aller SchülerInnen abgebaut und überwunden werden können“. Er ist ein „Hilfsmittel“, um „ein inklusives Leitbild zu entwickeln“ (Boban/Hinz 2003, 8).
  7. Wir kennen die Worte von Charles Darwin, die schon Schlagworte geworden sind, nämlich „survival of the fittest“ und „struggle for life“.Damit wurde – aus der Tierwelt – ein Bild geschaffen, das Leben sei ein ständiger Kampf ums Überleben, der Stärkere siegt. Ist das ein richtiges Bild für das – menschliche – Zusammenleben? Zeigt nicht der Umgang mit den Schwachen in einer Gesellschaft, wie menschlich sie ist.
    Neodarwinisten wie Dawkins (1975/2004 haben) die These vom „egoistischen Gen“ aufgestellt, vertreten die Anschauung, Egoismus sei angeboren. Hingegen weisen die Neurowissenschaftler Joachim Bauer (und andere) die Veränderung der Gene nach, auch dass das Genom (also die Gesamtheit der Erbanlagen) keine starre Größe ist, sondern „ein mit einem biologischen Sensorium ausgestattetes Organ“ (2008, 17) mit einer erstaunlichen Anpassungsfähigkeit, und zwar folgen auch Gene und Genome den drei Grundprinzipien Kommunikation, Kooperation und Kreativität (ebd 17). Als persönliches Credo formuliert Bauer: „Ich persönlich hoffe, dass wir … nicht das Gespür dafür verlieren, welch einzigartiges Geschenk das Leben ist, eine Gabe, der wir mit ‚Ehrfurcht‘ begegnen sollen“ (ebd. 22).
    Dass nicht das Überleben des Stärksten unser Lebensprinzip ist, darf am Straßenverkehr veranschaulicht werden. Wir bauen nicht Straßen, damit Volvo gegen VW oder Audi gegen Alfa Romeo kämpft (sonst müssten wir am besten alle mit Panzer unterwegs sein), sondern damit wir zur Arbeit, zum Einkaufen und vor allem zu einander kommen.
    Kommunikation wird biologisch von der paarig angelegten DNA begründet.
  8. Phylogenetisch betrachtet: Die Menschheit hat (Widernisse wie extreme Kälte, Feinde …) überlebt, wenn sie sich in Gruppen zusammengetan hat und möglichst friedlich miteinander umgegangen ist – gemeinsam war man stärker, gemeinsam war ein Über-Leben möglich.
  9. Der Soziologe Hartmut Rosa stellt in seinem 2016 erschienenen und inzwischen in 7. Auflage aufgelegt Buch die Frage nach dem, wie Leben gelingt und sagt: Resonanz „ist die primäre Form unserer Weltbeziehung“ (747).
    „Ein gutes Leben ist … eines, das reich an Resonanzerfahrungen ist und über stabile Resonanzachsen verfügt“ (749).

    Der Soziologe beschreibt drei Gruppen von „Resonanzachsen“, in denen resonante Weltbeziehungen gelebt werden, sodass Leben gelingt:

    Horizontale Resonanzachsen:
    Familie
    Freundschaft
    Politik

    Diagonale Resonanzachsen:
    Dinge
    Arbeit
    Schule
    Sport

    Vertikale Resonanzachsen:
    Religion
    Natur
    Kunst
    Geschichte
  10. Von all den Feldern möchte ich „Die Kraft der Kunst“, eine vertikale Resonanzachse exemplarisch herausgreifen
    „Rettet Schönheit die Welt?“ ist eine der Fragen für die 800-Jahr-Feier unserer Diözese. Wir sehnen uns nach resonanten Weltbeziehungen, die sich auch in einer Ästhetik zeigen soll. Im künstlerischen Gestalten können wir Entfremdungserfahrungen verarbeiten. Schuberts Winterreise vermittelt den Gegensatz zwischen Verlassenheit (erstarrter, kalter, beziehungs- und mitleidsloser Welt – Winter und resonantem Weltverhältnis (Frühling) und) – ein wunderbares Beispiel erträumter Resonanz, das uns berührt, bewegt und ergreift. Je tiefer, authentischer, glaubwürdiger modellierte Entfremdung, umso größer die Resonanzwirkung (486).
    Kunst kann Verhärtung lockern; Kunst lässt die Möglichkeit resonanter Weltbeziehung erahnen inmitten entfremdeter Verhältnisse.
  11. Doch nicht nur große Komponisten schaffen Kunst, auch Kinder tun es. Sie lassen sich in einen Prozess des Gestaltens ein. Unsere Enkeltochter hat mich während sie malte gefragt: „Opa, weißt du, was das wird?“ Auf mein „Nein“ antwortete sie schmunzelnd: „Ich auch nicht“. Kinder können mit Ausdauer zeichnen und musizieren. Im künstlerisch-musischen Gestalten erleben sie sich als „selbstwirksam“ und lernen dabei,
    sich selber etwas zuzutrauen,
    Herausforderungen zu meistern,
    Einfluss zu nehmen und planvoll etwas bewirken zu können.
    Dies schafft Lebenszufriedenheit,
    was wirkt sich positiv auf das Sozialverhalten aus,
    ebenso auf Lernerfolg und
    Gesundheit.
    Dann investieren sie mehr Energie,
    und setzen sich anspruchsvollere Ziele
    In ihrer Gefühlswelt, sind sie offen für Affekt (Af←fekt) und bereit E→motion zu zeigen.
    Sie erleben sich nicht als Spielball des Schicksals (=Opfer), sondern als Gestalter des Lebens .
  12. Wie wohltuend ist es, von einem anderen angeschaut zu werden und dadurch Ansehen zu erlangen: Der Anblick eines lächelnden Gesichts schenkt auch uns selbst ein Lächeln.
    Schon 1975 entwickelte der amerikanische Psychologe Edward Tronick ein Experiment, das ich als höchst problematisch und „unethisch“ empfinde: Das „Still-face-Experiment“.

    https://www.youtube.com/watch?v=apzXGEbZht0

    Wir sehen, wie eine Mutter mit ihrem Kind spielt, und von Angesicht zu Angesicht entwickelt sich herzliche Fröhlichkeit. Plötzlich unterbricht die Mutter den Kontakt und sieht das Kind nur mit starren Augen an. Das Kind versucht, der Mutter eine Reaktion zu entlocken; es ruft, lächelt, versucht mit der Hand zu berühren – doch die Mutter bewegt keine Mine.
    Mit der Zeit hört das Kind mit den verzweifelten Kommunikationsversuchen auf, es sieht die Vergeblichkeit, es ist frustriert.
  13. Für ethisches Handeln ist Verantwortung der zentrale Begriff.
    Was aber ist die Grundlage für die Verantwortung?
    Zunächst geht es darum, das Leben als Gegebenheit, als Gabe zu sehen. – Ich habe mich nicht selbst gezeugt und geschaffen. Leben ist das fundamentale, grundlegende Geschenk.
    … Doch wie geht es einem Kind, dem gesagt wird: „Eigentlich wollten wir dich nicht“ (vor kurzem hat mir eine Pädagogin geschildert, mit welcher Traurigkeit ihr ein Kind diese Aussage ihrer Mutter anvertraut hat)
    Leben ohne Kommunikation ist kein Leben, steht doch – am Beginn des Johannes-Evangeliums „Am Anfang war das Wort ….“ (Joh 1,1).
    Auf die Frage, was wir brauchen, um reden zu lernen, antwortete unsere damals 4-jährige Enkeltochter Maria: Mund, Zunge … und Worte, die zu uns gesprochen werden.
  14. Imponierend ist z.B. das hier von Ingeborg Trappe-Butzbach mit Kindern entwickelte Musical „Flusspferd und Biene“.
    Dabei haben Kinder Rollen übernommen,
    sie musikalisch und ganzkörperlich gestaltet.
    Im Musical konnten sie kommunizieren und Konflikte (zwischen Erwachsenen und Kindern) durchspielen,
    philosophierend die Grundlagen der Verantwortung gestalthaft erspüren:
    Leben als Geschenk und fundamentales Gut wahrnehmen,
    mit dem zugesagten Wort die Fähigkeit zur Antwort als Grundlage der Verantwortung erspüren. Die ethische Haltung der Verantwortung erhielt damit eine emotionale Basis.
    Bossinger und andere haben aufgezeigt, welch heilsame Wirkung Selber-Musizieren und gmeinsames Singen haben, besonders im Verringern von Aggressions-Potentialen. Musik leistet damit einen enormen Beitrag zur Friedenserziehung.
  15. In den EU-Projekten ETHOS und ETHIKA entwickelte Materialien und Medien sind vielfältig und ganzheitlich zu den Themen - Selbstwert stärken - Gerechtigkeit - Respekt - Konfliktlösung - Verantwortung … für 3 bis 15-jährige, mit Handreichungen für LehrerInnen. Sie sind auf der ETHIKA-EU Website frei downloadbar.
    Sie wollen helfen, damit junge Menschen „wert(e)voll wachsen“ können, sich also empathisch und solidarisch verhalten. (Empathie und Solidarität ist für mich der Inbegriff ethischer Bildung).
    „wert(e)voll wachsen“ ist auch der Titel unserer aktuellen Publikation, an dem auch das BEDA-Institut mitgewirkt hat.
    Werten muss man begegnen, man muss sie fühlen, bevor sich ein Gespür für Normen entwickeln kann. Daher haben wir einen Stehkalender für RITUALE am MORGEN entwickelt – er wird in der Volksschulen gerne angenommen.
  16. Das Sprichwort „Was Du nicht willst, das man Dir tu …“ kennt jedes Kind. Die Bibel formuliert es positiv: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen“ (Mt 7,12).
    Diese sog. Goldene Regel legt also ein Einfühlen in Andere nahe, Mitgefühl und Empathie. In allen Weltreligionen gilt das als ethische Maxime.
    Von der eigenen Positionen abrücken, sich in die Rolle der anderen versetzen, einfühlsam werden, Wechsel der Perspektive sehe ich als große Chance ethischer Bildung.
    Die Weltreligionen können im Projekt Weltethos (H. Küng) einen entscheidenden Beitrag leisten für die Zukunft des blau-weißen Planeten.

    J. Bauer setzt dem Wort Darwins vom „survival oft he fittest“ ein „survival of resonance“ gegenüber und er betont: „Nicht dass wir um jeden Preis überleben, sondern dass wir andere finden, die unsere Gefühle und Sehnsüchte binden und spiegelnd erwidern können, ist das Geheimnis des Lebens“ (Bauer 92006, 173). Es möge gelingen!

Literatur:

Bauer, J. (92006): Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneuronen, Hamburg.

Bauer, J. (2008): Das kooperative Gen. Abschied vom Darwinismus, Hamburg.

Boban, Ines / Hinz, Andreas (Hg.), Index für Inklusion, Halle (Saale) 2003.

Boff, L. (1996): Aus dem Scheitern Kraft gewinnen. Auf dem Weg zu einer neuen Spiritualität, in: Rothbucher, H., Seitz, R. & Donnenberg R. (Hrsg.): Erfolg und Scheitern. Warum entwickeln sich Kinder nicht so, wie ErzieherInnen es wollen, 30 – 42, Salzburg.

Booth, Tony / Ainscow, Mel, The Index for Inclusion. Bristol: Centre for Studies on Inclusive Education 22002.

Bossinger, W. (2005): Die heilende Kraft des Singens. Von den Ursprüngen bis zu modernen Erkenntnissen über die soziale und gesundheitsfördernde Wirkung von Gesang, Norderstedt.

Dawkins, R. (1976/2004): Das egoistische Gen. Reinbeck b. Hamburg. Erstveröffentlichung Oxford 1976.

ETHIKA. In: http://www.ethics-education.eu/

Europäisches ETHIKA Netzwerk, Deutschsprachige Sektion vertreten durch Franz Feiner, Thomas Pfeil, Evelyn Schlenk (Hrsg.) (2015): Ethische Bildung und Werteerziehung. Handbuch für Lehrkräfte und Erzieher/innen an europäischen Schulen und Kindergärten. Graz.

Feiner, F., Krammer, J, Pack, I., Resnik, M & Straßegger-Einfalt R. (2017): wert(e)voll wachsen. Ethische Bildung für eine nachhaltige, dialogische Zukunft. Graz.

Hüther, G. & Spannbauer, Ch. (Hrsg.) (2012): Connectedness. Warum wir ein neues Weltbild brauchen. Bern.

Lassek, R. (2017): Was kann die moderne Reproduktionsmedizin. Ein Kind, sechs Eltern. In: Herder Korrespondenz Spezial (HerKorr) 71 (2017) Sonderheft, 1 – 10.

Küng, H. (2003): Projekt Weltethos. Neuauflage. München.

Mettnitzer, A. (2013): Das Kind in mir. Perspektiven eines geglückten Lebens. Graz-Wien-Klagenfurt.

Rosa, H. (2016/ 5. Aufl. 2017): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin.

UNESCO (1994): The Salamanca Statement. In: http://www.unesco.org/education/pdf/SALAMA_E.PDF

Urabl, B. M.(2014): Morgenrituale für jeden Tag. 1:1 übertragbare und praxisbezogene Anleitungen für ein Schuljahr. Graz.

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